Die Test Solution “Substanzgebrauchsstörungen - Neurokognitive Testung” dient der Erfassung des kognitiven Funktionsprofils von Personen mit substanzbezogenen Störungen im Sinne des DSM-5-TR und der ICD-11. Die diagnostischen Leitwerke beschreiben Störungen durch Substanzkonsum als eine Gruppe von Erkrankungen, die durch den wiederholten Konsum psychoaktiver Substanzen entstehen und ein breites Spektrum kognitiver, verhaltensbezogener und physiologischer Symptome umfassen. Charakteristisch ist die Fähigkeit dieser Substanzen, zentrale Belohnungssysteme zu aktivieren und dadurch Lern-, Gedächtnis- und Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. Sowohl ICD-11 als auch DSM-5-TR unterscheiden substanzbezogene Störungen nach der jeweils konsumierten Substanz und führen unter anderem Störungen durch Alkohol, Cannabis, Opioide, Kokain, Amphetamine und Nikotin auf (American Psychiatric Association, 2022; WHO, 2022).
In der wissenschaftlichen Literatur liegen umfangreiche Befunde zu substanzübergreifenden und substanzspezifischen kognitiven Veränderungen vor. Das systematische Review von Ramey et al. (2018) beschreibt konsistente Beeinträchtigungen in Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Response Inhibition und planerisch-exekutiven Funktionen als gemeinsame Merkmale verschiedener Substanzgebrauchsstörungen. Diese Einschränkungen sind erwartbar, da suchtrelevante Reize automatische Aufmerksamkeitsprozesse aktivieren, inhibitorische Kontrollmechanismen durch wiederholtes Konsumverhalten belastet werden, chronischer Substanzkonsum Arbeitsgedächtnisprozesse beeinträchtigt und Entscheidungsprozesse zunehmend durch unmittelbare, habitualisierte Reaktionen statt durch deliberative Strategien gesteuert werden. Diese kognitiven Einschränkungen erhöhen das Rückfallrisiko, erschweren Therapieadhärenz und beeinträchtigen Alltagsfunktionen. Sie stellen daher zentrale Ansatzpunkte für Diagnostik und gezielte therapeutische Interventionen dar. Gleichzeitig weisen aktuelle Metaanalysen darauf hin, dass Stärke und Ausprägung dieser kognitiven Veränderungen je nach Substanzklasse variieren und substanzspezifische Muster identifiziert werden können.
Bei Alkoholabhängigkeit (AUD) zeigte eine Metaanalyse über k = 62 Studien, dass sich das Profil neurokognitiver Defizite nach Beendigung des Konsums innerhalb eines Jahres weitgehend zurückbildet. Die ausgeprägtesten Beeinträchtigungen unmittelbar nach Konsumende fanden sich in der Planungsfähigkeit (k = 20; n = 1816; d = 0,53 [0,44; 0,63]), in der Aufmerksamkeit (k = 3; n = 116; d = 0,70 [0,32; 1,08]) sowie im Arbeitsgedächtnis (k = 14; n = 818; d = 0,53 [0,36; 0,70]). Andere exekutive Funktionen wie Inhibition, Verarbeitungsgeschwindigkeit sowie Lern- und Gedächtnisleistungen zeigten geringere Effekte im Bereich 0,37 < d < 0,47. Insgesamt blieben diese Effekte über das erste Abstinenzjahr hinweg relativ stabil, wohingegen Befunde nach mehr als einem Jahr Abstinenz nur noch geringe bis vernachlässigbare Effektstärken aufwiesen (Stavro et al., 2012). Die Autoren schließen daraus, dass alkoholbedingte Beeinträchtigungen nicht selektiv, sondern diffus über verschiedene neurokognitive Domänen verteilt sind, was die „diffuse brain hypothesis“ stützt.
Bei Cannabisabhängigkeit (CUD) zeigte eine Metaanalyse über k = 23 Studien deutliche Beeinträchtigungen in mehreren kognitiven Bereichen. Die größten Effekte fanden sich in der allgemeinen Intelligenz (d = 0,50 [0,33; 0,67]), im verbalen Lernen (d = 0,48 [0,32; 0,64]), in der Verarbeitungsgeschwindigkeit (d = 0,40 [0,23; 0,58]) sowie im Arbeitsgedächtnis (d = 0,40 [0,26; 0,54]). Befunde zu Aufmerksamkeit, Impulsivität und visuell-räumlichen Fähigkeiten zeigten hingegen überwiegend kleine bis vernachlässigbare Effekte (0,20 < d < 0,28). Diese Ergebnisse weisen auf ein spezifisches, fokussiertes Muster kognitiver Einschränkungen bei CUD hin, das sich von den diffuseren Profilen anderer Substanzen unterscheidet (Pilon et al., 2025).
Bei Kokainabhängigkeit zeigte eine Metaanalyse über k = 46 Studien deutliche Beeinträchtigungen in mehreren kognitiven Domänen, abhängig vom Abstinenzstatus. Während kurzer Abstinenz (positive Urinprobe) fanden sich vor allem moderate Defizite in Impulsivität (d = 0,41 [0,21; 0,61]) und Arbeitsgedächtnis (d = 0,44 [0,17; 0,71]), während Effekte in Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit und visuellen Fähigkeiten überwiegend klein ausfielen (d < 0,30). Bei ≤12 Wochen Abstinenz verstärkten sich mehrere Defizite, insbesondere in Aufmerksamkeit (d = 0,59 [0,32; 0,87]), Impulsivität (d = 0,58 [0,41; 0,76]), Verarbeitungsgeschwindigkeit (d = 0,45 [0,29; 0,60]) und Arbeitsgedächtnis (d = 0,52 [0,30; 0,75]). Verbales Lernen und Gedächtnis zeigten konsistent moderate Effekte (0,52 < d < 0,56). Insgesamt weist die Befundlage auf breit gefächerte und abstinenzabhängig ausgeprägte Einschränkungen hin, wobei einige Defizite in der frühen Abstinenzphase verstärkt zutage treten (Potvin et al., 2014).
Bei Methamphetaminabhängigkeit (MUD) zeigte eine Metaanalyse über k = 44 Studien breit ausgeprägte Defizite in Intelligenz, Aufmerksamkeit, Wortflüssigkeit, Langzeit- und Arbeitsgedächtnis (0,43 < d < 0,59). Besonders starke Einschränkungen fanden sich in Impulsivität (k = 8; d = 0,93 [0,72; 1,14]) und sozialer Kognition (k = 3; d = 1,12 [0,81; 1,42]), wobei Letzteres aufgrund geringer Stichproben vorsichtig zu interpretieren ist. Bereiche wie visuelles Lernen, Verarbeitungsgeschwindigkeit und visuell-räumliche Fähigkeiten zeigten kleinere Effekte (0,27 < d < 0,38). Insgesamt belegt die Befundlage substanzbedingte, breit angelegte kognitive Defizite, deren Muster vergleichbar bis etwas ausgeprägter als bei Alkohol- und Kokainabhängigkeit sind (Potvin et al., 2018).
Bei Opioidabhängigkeit (OUD) zeigte eine Metaanalyse über k = 61 Studien deutliche Einschränkungen in der komplexen psychomotorischen Geschwindigkeit (k = 22; g = 0,97 [0,74; 1,20]). Weitere stark bis moderat ausgeprägte Defizite fanden sich im sofortigen visuellen Gedächtnis (k = 7; g = 0,97 [0,70; 1,25]), in visuell-räumlichen Fähigkeiten (k = 4; g = 0,76 [0,45; 1,06]), im verbalen Gedächtnis (k = 14–13; 0,56 < g < 0,60), im Arbeitsgedächtnis (k = 20; g = 0,77 [0,56; 0,98]) sowie in der Planungsfähigkeit (k = 12; g = 0,70 [0,53; 0,87]). Kleinere Effekte zeigten sich in kognitiver Flexibilität (k = 22; g = 0,42 [0,27; 0,58]) und Aufmerksamkeit (k = 13; g = 0,57 [0,41; 0,72]), während motorische und Verarbeitungsgeschwindigkeit vernachlässigbare Unterschiede aufwiesen (k = 10–5; g < 0,25). Meta-Regressionen deuten darauf hin, dass längere Abstinenz mit einer Abnahme spezifischer Defizite – insbesondere im psychomotorischen Bereich – einhergeht. Insgesamt zeigt sich ein breit gefächertes Profil kognitiver Einschränkungen, das sich durch besonders ausgeprägte Defizite in komplexer Psychomotorik, Gedächtnisleistungen, Arbeitsgedächtnis und Planung auszeichnet (Wollman et al., 2018).
Bei Tabakabhängigkeit zeigte eine Metaanalyse über k = 24 Studien zu chronischem bzw. starkem Tabakkonsum deutliche Unterschiede in der kognitiven Impulsivität (k = 5; d = 0,88 [0,31; 1,46]), während motorische Impulsivität – etwa gemessen durch den Stroop – keine signifikanten Gruppenunterschiede aufwies (k = 4; d = 0,11 [–0,07; 0,28]). Moderat eingeschränkt waren Langzeitgedächtnis (k = 7; d = 0,62 [0,28; 0,96]), Planungsfähigkeit (k = 8; d = 0,51 [0,23; 0,78]), kognitive Flexibilität (k = 9; d = 0,45 [0,06; 0,84]) sowie Arbeitsgedächtnis (k = 11; d = 0,41 [0,18; 0,64]). Vernachlässigbare Effekte (d < 0,20) fanden sich in Aufmerksamkeit und Intelligenz. Die Autoren weisen darauf hin, dass bei leichtem oder moderatem Konsum geringere oder keine Gruppenunterschiede zu erwarten sind (Conti et al., 2019).
Insgesamt zeigt sich, dass substanzbezogene Störungen sowohl Gemeinsamkeiten als auch deutliche Unterschiede in Art und Stärke ihres neurokognitiven Profils aufweisen. Zu berücksichtigen ist dabei, dass die meisten dieser Befunde auf querschnittlichen Studien basieren und daher keine kausalen Schlussfolgerungen zulassen. Ein systematisches Review zeigte jedoch, dass neurokognitive Störungen häufig durch Substanzkonsum verursacht werden, und unterstreichen die Relevanz der Erhebung von Einschränkungen des Alltäglichen Lebens (Toledo-Fernández et al., 2017).
Die nachfolgenden Domänen decken jene neurokognitiven Dysfunktionen ab, die über Substanzen hinweg am konsistentesten auftreten und im DSM-5-TR sowie in der ICD-11 als zentrale Funktionsbereiche im Zusammenhang mit substanzbezogenen Störungen beschrieben werden. Die Test Solution “Substanzgebrauchsstörungen - Neurokognitive Testung” umfasst folgende kognitive Domänen und zugehörige Verfahren:
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Aufmerksamkeit
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Selektive Aufmerksamkeit (TACO)
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Verarbeitungsgeschwindigkeit (TMT-S, Teil A)
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Exekutive Funktionen
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Inhibition (STROOP)
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Kognitive Flexibilität (TMT-S, Teil B)
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Lernen und Gedächtnis
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Arbeitsgedächtnis (SPAN)
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Fluide Intelligenz (BMT)
Je nach Fragestellung können zusätzliche Verfahren integriert werden, so etwa Wortflüssigkeit (WIWO) und soziale Kognition (TOM) bei Methamphetaminabhängigkeit oder (komplexe) psychomotorische Fähigkeiten (2HAND) bei Opioidabhängigkeit. Weiters sind ergänzend der AUDIT (Alcohol Use Disorders Identification Test) und DUDIT (Drug Use Disorders Identification Test) zusätzlich als kostenlose Fragebögen zur Symptomerfassung verfügbar (siehe Open Access Tests). Es ist zu beachten, dass bei Konfiguration der Testsequenz und der Ergänzung um Tests, die nicht Teil der SCHUHFRIED Selection sind, diese gemeinsame Ergebnisübersicht nicht mehr automatisiert zur Verfügung steht (siehe Hinweise zur Auswertung und Interpretation).
Die Testdauer der Standardform beträgt etwa 47 Minuten.
Das Literaturverzeichnis finden Sie hier: Literatur