Die Test Solution „Schizophreniespektrumsstörungen - Neurokognitive Testung“ dient der Erfassung des kognitiven Funktionsprofils von Personen mit Schizophrenie. Die Auswahl der Dimensionen stützt sich auf aktuelle Befunde aus der Forschung zu kognitiven Veränderungen bei Schizophrenie sowie auf die diagnostischen Standardwerke DSM-5-TR (American Psychiatric Association, 2022), ICD-11 (WHO, 2022) sowie auf eine umfassende Empfehlung für das Assessment von kognitiven Beeinträchtigungen bei Schizophrenie von der European Psychiatric Association (= EPA) (Vita et al., 2022).
Schizophrenie stellt eine schwere und stark belastende psychische Erkrankung dar. Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, sind oftmals mit Schwierigkeiten im alltäglichen Funktionsniveau konfrontiert (Galderisi et al., 2014; Harvey & Strassnig, 2012), berichten über eine reduzierte Lebensqualität (Dong et al., 2019) und zeigen oft nur geringe Beteiligung am gesellschaftlichen und persönlichen Leben (Correll et al., 2022; Vita et al., 2022). Kognitive Beeinträchtigungen stellen einen zentralen Bestandteil dieses symptomatischen Bildes der Schizophrenie dar und tragen wesentlich zur funktionalen Einschränkung der Betroffenen bei (McCutcheon et al., 2023). Die kognitiven Beeinträchtigungen bestehen, anders als beispielsweise bei Depressionen, schon vor der ersten Episode und treten unabhängig davon auf (McCutcheon et al., 2023). Eine aktuelle Metaanalyse zeigt zudem, dass diese Einschränkungen eine hohe zeitliche Stabilität aufweisen (Ghanem et al., 2025), weshalb eine Erfassung der individuellen kognitiven Defizite von großer Bedeutung im klinisch-diagnostischen Kontext ist.
Während die ICD-11 (WHO, 2022) nicht explizit den Fokus auf kognitive Beeinträchtigungen legt, aber diese als relevante Symptomgruppe für die eine Einschätzung des Schweregrades ergänzt werden kann, beschreibt das DSM-5-TR (American Psychiatric Association, 2022) explizit kognitive Funktionsbeeinträchtigungen als zentrale und klinisch bedeutsame Dimensionen der Störung. Während im Rahmen der DSM-5-Entwicklung die Einführung eines kognitiven Kriteriums als diagnostisches Merkmal erwogen wurde, wurde dieser Schritt aufgrund der begrenzten diagnostischen Spezifität – beispielsweise im Vergleich zu bipolaren Störungen – nicht umgesetzt (McCutcheon et al., 2023). Jedoch betonen internationale Leitlinien, insbesondere die EPA Guidance (Vita et al., 2022), dass kognitive Leistungsbeeinträchtigungen systematisch erhoben werden sollten, da sie zentrale Funktionsbereiche betreffen und maßgeblich zur sozialen und beruflichen Teilhabe beitragen und ein wichtiges zusätzliches Diagnosekriterium darstellen. Die EPA führt folgende Dimensionen für ein kognitives Assessment von Schizophrenie als wichtig an: Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit und Vigilanz, Arbeitsgedächtnis, verbales und visuell-räumliches Lernen, Gedächtnis, Schlussfolgerndes Denken und Problemlösefähigkeit.
Die am häufigsten beeinträchtigte Dimension bei Schizophrenie ist die Verarbeitungsgeschwindigkeit, die in zahlreichen empirischen Arbeiten als basal beeinträchtigte Fähigkeit identifiziert wurde (Gebreegziabhere et al., 2022; Morrens et al., 2008; Nuechterlein et al., 2004; Ojeda et al., 2012; Seitz-Holland et al., 2022). Die Überblicksarbeit auf Basis systematischer Reviews und Meta-Analysen von Gebreegziabhere et al. (2022) identifizierte neben dem Gedächtnis die Verarbeitungsgeschwindigkeit als am häufigsten berichtete Beeinträchtigung bei einer Schizophrenieerkrankung. In einer aktuellen Metaanalyse von Ghanem et al. (2025) wurde eine zeitliche Stabilität kognitiver Defizite bei einer Schizophrenieerkrankung nachgewiesen. Zudem wurde zusätzlich ein meta-analytischer Vergleich von Unterschieden in diversen kognitiven Domänen von Patienten und Patientinnen und Kontrollgruppe durchgeführt und fand in allen untersuchten Dimensionen (Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Verbales/Visuelles Lernen und verbales Gedächtnis, verbale Flüssigkeit sowie Logisch-Schlussfolgerndes Denken einen signifikanten Unterschied (siehe Supplements: Tabelle 5 in Ghanem et al., 2025). Ojeda et al. (2012) haben die Verarbeitungsgeschwindigkeit als wichtigste Fähigkeit in der Unterscheidung von gesunden Personen und schizophrenen Patienten und Patientinnen identifiziert. Weiters zeigen Morrens et al. (2008), dass eine verlangsamte Informationsverarbeitung bei Personen mit Schizophrenie im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen auftritt. Zudem konnten Mahurin et al. (2006) zeigen, dass Personen mit Schizophrenie im Teil A des Trail Making Test schlechter abgeschnitten haben als eine gesunde Kontrollgruppe und als Personen mit Depressionen.
Die Reviews von Osborne et al. (2020) und Morrens et al. (2007) zeigen, dass speziell die psychomotorische Geschwindigkeit bei Personen mit Schizophrenie eingeschränkt sein kann. In der Forschung wird die Beeinträchtigung der psychomotorischen Geschwindigkeit oftmals auch als psychomotorische Verlangsamung bezeichnet. Osborne et al. (2020) zeigen weiters, dass die Dimension der psychomotorischen Verlangsamung aus mehreren Facetten besteht und als wichtiger Biomarker für die Schizophrenie-Diagnostik betrachtet werden kann. Zu diesen Facetten gehören „Response Selection and Motor Planning“, „Motor Inhibition“, „Volition“, „Motor Speed“ and „Fine Motor Coordination”. Auch van Beilen et al. (2004) betonen, dass die psychomotorische Geschwindigkeit, also die Facette „Motor Speed“ mit kognitive Testleistungen korreliert. In einer Studie von Morrens et al. (2008) wurde ebenfalls die Relevanz der psychomotorischen Geschwindigkeit bestätigt und zudem mit der Verarbeitungsgeschwindigkeit in Verbindung gebracht. Auf dieser Datengrundlage erscheint es sinnvoll, die Psychomotorik ebenfalls zu erheben und in Kombination mit der Verarbeitungsgeschwindigkeit zu interpretieren.
Eine weitere zentrale kognitive Fähigkeit, die Einschränkungen bei Schizophreniepatienten und -patientinnen aufweisen kann, ist das Arbeitsgedächtnis. Ghanem et al. (2025) berichten in einer aktuellen Metastudie, dass Personen mit Schizophrenie eine schlechtere Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses als gesunde Personen aufweisen. Die berechneten Effektstärken lagen dabei im mittleren bis großen Bereich. Eine weitere Meta-Studie (Lee & Park, 2005) zeigte, dass dieser Unterschied unabhängig von der Testmodalität zu bestehen scheint. Weitere Forschung wie der zusammenfassende Evidenzübersicht von Gebreegziabhere et al. (2022), sowie ältere Befunde von Forbes et al. (2009) oder Ojeda et al. (2012) stützen die Wichtigkeit des Arbeitsgedächtnisses bei Schizophrenie und rechtfertigen den Schwerpunkt des Arbeitsgedächtnisses zusätzlich zur Verarbeitungsgeschwindigkeit in der Schizophreniediagnostik.
Nuechterlein et al. (2004) zeigten, dass Aufmerksamkeits- und Vigilanzleistungen ebenfalls eine relevante Dimension darstellen, die bei Schizophrenieerkrankungen Defizite aufweisen können. Unterschiede in der Aufmerksamkeitsleistung zwischen gesunden und schizophrenen Personen finden sich auch bei Ojeda et al. (2012).
Die Dimension Logisch-Schlussfolgerndes Denken weist ebenfalls eine signifikante und überdauernde Beeinträchtigung im Rahmen einer Schizophrenieerkrankung auf (Ghanem et al., 2025; Nuechterlein et al., 2004). Zudem wird diese Dimension auch von der EPA Guidance für das Assessment der kognitiven Fähigkeit angeführt (Vita et al., 2022).
Innerhalb der exekutiven Funktionen konnte eine Metaanalyse (Westerhausen et al., 2011) feststellen, dass globale exekutive Dysfunktionen zumindest zum Teil durch eine reduzierte Inhibitionsfähigkeit erklärt werden können. Und auch Bielecki et al. (2024) haben eine verringerte kognitive und motorische Inhibition bei Patienten und Patientinnen mit Defiziten oder auch Negativsymptomen (nach dimensionaler Beschreibung im ICD-11) zeigen können. Zudem konnten Mahurin et al. (2006) zeigen, dass Personen mit Schizophrenie im Teil B des Trail Making Test, der die exekutiven Funktionen erhebt, schlechter abgeschnitten haben als eine gesunde Kontrollgruppe und als Personen mit Depressionen.
Zusammenfassend zeigt die Befundlage, dass die genannten kognitiven Bereiche – Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit, psychomotorische Geschwindigkeit, Inhibition, und Arbeitsgedächtnis – zu den zentralen und empirisch gut abgesicherten Funktionsdomänen gehören, die bei Schizophrenie typischerweise beeinträchtigt sind. Eine strukturierte diagnostische Erfassung dieser Domänen ist daher für die klinische Beurteilung, die Behandlungsplanung und die Prognoseabschätzung essenziell. Die Test Solution „Schizophreniespektrumsstörungen - Neurokognitive Testung“ umfasst daher die folgenden kognitiven Domänen:
-
Aufmerksamkeit
-
Verarbeitungsgeschwindigkeit (TMT-S, Teil A)
-
Selektive Aufmerksamkeit (TACO)
-
Motorische und Reaktionsgeschwindigkeit (RT)
-
-
Exekutive Funktion
-
Kognitive Flexibilität (TMT-S, Teil B)
-
Verbales Arbeitsgedächtnis (SPAN, Ziffernspanne rückwärts)
-
Interferenzneigung und Inhibition (STROOP)
-
-
Lernen und Gedächtnis
-
Verbales Kurzzeitgedächtnis (SPAN, Ziffernspanne vorwärts)
-
-
Logisch-schlussfolgerndes Denken (BMT)
Die Test Solution „Schizophreniespektrumsstörungen - Neurokognitive Testung“ deckt damit die zentralen Bereiche ab, die bei Schizophrenie beeinträchtigt sein können. Jedoch werden manche relevante kognitive Domänen nicht erfasst: Meta-analytische Ergebnisse von Szöke et al. (2008) identifizierten beispielsweise insbesondere die semantische verbale Flüssigkeit als besten Prädiktor zur Differenzierung zwischen Personen mit Schizophrenie und gesunden Kontrollgruppen, obgleich dieser Befund aufgrund der laut Gebreegziabhere et al. (2022) schlechten Studienqualität unter Vorbehalt zu betrachten ist. Das verbale und visuospatiale Gedächtnis, sowie die soziale Kognition werden nicht standardmäßig vorgegeben, wobei insbesondere die soziale Kognition von der EPA Guidance als relevanter Faktor angesehen wird.
Je nach Fragestellung können daher der Test Solution weitere Verfahren außerhalb der SCHUHFRIED Selection hinzugefügt werden, etwa zur Erfassung der Wortflüssigkeit (WIWO), von Konkretismus (SMT; Barth, 2018; vgl. Vita et al., 2022), des verbalen Gedächtnisses (AWLT), der sozialen Kognition (TOM) oder des figuralen Gedächtnisses (FGT). Es ist zu beachten, dass bei Konfiguration der Testsequenz und der Ergänzung um Tests, die nicht Teil der SCHUHFRIED Selection sind, diese gemeinsame Ergebnisübersicht nicht mehr automatisiert zur Verfügung steht (siehe Hinweise zur Auswertung und Interpretation).
Die Testdauer der Standardform beträgt etwa 61 Minuten.
Das Literaturverzeichnis finden Sie hier: Literatur