Die Test Solution „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung - Neurokognitive Testung“ dient der Erfassung des kognitiven Funktionsprofils von Personen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Jugend- und Erwachsenenalter. Sie ist nicht zur Diagnosestellung vorgesehen, sondern unterstützt die klinische Einordnung durch die systematische Abbildung individueller kognitiver Stärken und Schwächen. Die Auswahl der Dimensionen für die Testbatterie stützt sich auf aktuelle Befunde zu kognitiven Defiziten bei ADHS sowie auf die diagnostischen Standardwerke DSM-5-TR (American Psychiatric Association, 2022) und ICD-11 (WHO, 2022).
Nach ICD-11 und DSM-5-TR stehen Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität im Mittelpunkt der Diagnose. Neurokognitive Testungen ergänzen die klinische Diagnostik, indem sie objektive Informationen zu relevanten Funktionsbereichen bereitstellen und zur differenzierten Beurteilung beitragen. So werden in DSM-5-TR die Bereiche Arbeitsgedächtnis, Set Shifting, Reaktionszeitvariabilität, Inhibition, Vigilanz sowie Planung und Organisation als Bereiche genannt, in denen kognitive Defizite vorhanden sein können. Darüber hinaus zeigen zahlreiche Studien Unterschiede in den kognitiven Fähigkeiten zwischen Personen mit ADHS und gesunden Kontrollgruppen. Eine Differenzierung allein auf Basis kognitiver Profile von anderen klinischen Kohorten ist jedoch nicht möglich – zudem besteht eine hohe Heterogenität in der Ausprägung der betroffenen Personen (Cortese et al., 2025). Weiters zeigte eine Meta-Analyse, dass häufig eingesetzte Einzelverfahren wie etwa Continuous Performance Tests (CPT) bei Kindern und Jugendlichen nur begrenzte diagnostische Aussagekraft aufweisen (Arrondo et al., 2024).
Die Bedeutung von Einschränkungen in der Aufmerksamkeitsleistung konnte von zahlreichen Übersichtsarbeiten bestätigt werden. Eine Metaanalyse zweiter Ordnung kommt zum Schluss, dass kleine bis mittelgroße Unterschiede in Vigilanz und selektiver Aufmerksamkeit zwischen Personen mit ADHS und gesunden Kontrollgruppen vorhanden sind (Pievsky & McGrath, 2018) und auch ein aktueller Review berichtet Defizite bei Erwachsenen in der Dauer- und fokussierten Aufmerksamkeit (Cortese et al.,2025). Dies steht im Einklang mit Erkenntnissen aus einem Review von fMRI-Studien, dass Gehirnregionen der Aufmerksamkeitslenkung bei Personen mit ADHS beeinträchtigt sein können (Rubia, 2018). Die Einschränkungen sind, basierend auf meta-analytischen Ergebnissen (Loyer Carbonneau et al.,2020), nicht signifikant unterschiedlich zwischen den Geschlechtern bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Gleichwohl beschreibt die ICD-11 (WHO, 2022), dass Frauen tendenziell eher Unaufmerksamkeitssymptome zeigen, während Männer eher Hyperaktivitätssymptome aufweisen. Ein weiterer interessanter meta-analytischer Befund basierend auf RCT-Studien mit unter 18-jährigen ist, dass VR-basiertes Training bei diesem Störungsbild die Aufmerksamkeitsleistung deutlich verbessern kann. Die Effekte werden als groß beschrieben, allerdings ist dies mit gewisser Vorsicht zu betrachten, da die Basisstudien oft von geringerer Qualität sind (Corrigan et al., 2023).
Auch im Bereich der Inhibition und Interferenzkontrolle zeigen Metaanalysen und Reviews Defizite auf. Pievsky und McGrath (2018) fanden im Bereich der Inhibition mittlere Unterschiede zwischen Personen mit ADHS und gesunden Kontrollgruppen. Auch hier weisen bildgebende Befunde darauf hin, dass bei ADHS die für die inhibitorische Kontrolle zuständigen Gehirnregionen beeinträchtigt sein können (Rubia et al., 2018). Es lassen sich zudem geschlechtsspezifische Unterschiede erkennen, wobei Jungen stärker betroffen sind. Die Unterschiede zeigen sich in der motorischen Inhibition und beim Unaufmerksamen Subtyp von ADHS (Loyer Carbonneau et al., 2020).
Ein besonders robuster Befund in der ADHS-Forschung betrifft die Reaktionszeiten und insbesondere deren Variabilität. Schon früh wurde darauf hingewiesen, dass die erhöhte Schwankungsbreite der Reaktionen eines der verlässlichsten kognitiven Merkmale von ADHS darstellt und nicht allein durch Unterschiede in exekutiven Funktionen oder Inhibition erklärt werden kann (Castellanos et al., 2006). Ein umfassender Meta-analytischer Review über 319 Studien zur Reaktionszeitvariabilität (Kofler et al., 2013) zeigte kleine bis mittelgroße Unterschiede zwischen Personen mit ADHS und gesunden Personen. Die mittleren Reaktionszeiten hingegen unterschieden sich nicht signifikant, wenn für die Variabilität statistisch kontrolliert wurde. Die Metaanalyse zweiter Ordnung von Pievsky und McGrath (2018) kam ebenso zu dem Ergebnis, dass die durchschnittliche Reaktionszeit im Vergleich zu Kontrollgruppen meist nur geringfügig verlängert ist, aber die Variabilität der Reaktionszeiten die stärksten Effekte unter allen untersuchten neurokognitiven Domänen aufwies. fMRI-Studien zeigen zudem, dass Regionen, die für zeitliche Steuerung zuständig sind, bei ADHS häufig verändert sind (Rubia et al., 2018).
Auch im Arbeitsgedächtnis zeigen Personen mit ADHS mittelgradige Einschränkungen im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen (Pievsky & McGrath, 2018; Cortese et al., 2025), wobei sich keine Geschlechtsunterschiede zeigen (Loyer Carbonneau et al., 2020). fMRI-Befunde zeigen auch hier Veränderungen in Regionen, die für Arbeitsgedächtnisprozesse zentral sind (Rubia et al., 2018). Geringere Bedeutung kommt weiteren Gedächtnisprozessen zu, jedoch konnten auch hier relevante Unterschiede zu Kontrollgruppen festgestellt werden (Pievsky & McGrath, 2018). Cortese et al. (2025) berichten in ihrem Review Befunde zu Einschränkungen des verbale Gedächtnisses bei Erwachsenen. Zudem identifizierten Cerny et al. (2025) mittels latenter Klassenanalyse innerhalb einer ADHS-Stichprobe eine Subgruppe mit spezifischen Defiziten im Bereich Lernen und Gedächtnis.
Die kognitive Flexibilität kann ebenfalls beeinträchtigt sein, allerdings etwas in geringerem Ausmaß. Pievsky und McGrath (2018) berichten kleine, aber signifikante Unterschiede im Set Shifting, was durch Befunde zu Erwachsenen bestätigt wird (Cortese et al., 2025). Rubia et al.,(2018) zeigen darüber hinaus Veränderungen in Bereichen des Gehirns, die für temporale Verarbeitung relevant sind. Zudem zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede in der kognitiven Flexibilität, die auf stärkere Einschränkungen bei Jungen hindeuten (Loyer Carbonneau et al., 2020).
In geringerem Ausmaß zeigen auch höhere exekutive Funktionen wie logisches Schlussfolgern sowie Planung und Organisation Unterschiede (Pievsky & McGrath, 2018). Cortese et al.,(2025) verweisen bei Personen über 18 Jahren zusätzlich auf Schwierigkeiten im Entscheidungsverhalten. Geschlechtsunterschiede scheinen in diesen Domänen nicht bedeutsam zu sein (Loyer Carbonneau et al., 2020).
Test Solution „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung - Neurokognitive Testung“ umfasst daher die folgenden kognitiven Domänen:
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Aufmerksamkeit
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Verarbeitungsgeschwindigkeit (TMT-S, Teil A)
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Daueraufmerksamkeit (TACO)
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Motorische und Reaktionsgeschwindigkeit und deren Variabilität (RT)
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Exekutive Funktionen
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Verbales Arbeitsgedächtnis (SPAN, Ziffernspanne rückwärts)
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Kognitive Flexibilität (TMT-S, Teil B)
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Interferenzneigung (STROOP)
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Lernen und Gedächtnis
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Verbales Kurzzeitgedächtnis (SPAN, Ziffernspanne vorwärts)
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Logisches Schlussfolgern (BMT)
Über die beschriebenen kognitiven Domänen hinaus werden zudem regelmäßig Unterschiede in der Wortflüssigkeit in der Forschung beschrieben (Pievsky & McGrath, 2018; Cortese et al., 2025), ebenso wie die Bedeutung von Auffälligkeiten in motivationalen und emotionalen exekutiven Funktionen (Castellanos et al., 2006; Rubia et al., 2018). Diese Bereiche sind jedoch nicht Teil der Test Solution „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung - Neurokognitive Testung“ und werden daher hier lediglich der Vollständigkeit halber erwähnt.
Je nach Fragestellung können daher der Testbatterie weitere Verfahren außerhalb der SCHUHFRIED Selection hinzugefügt werden, etwa zur Erfassung der Wortflüssigkeit (WIWO). Es ist zu beachten, dass bei Konfiguration der Testsequenz und der Ergänzung um Tests, die nicht Teil der SCHUHFRIED Selection sind, diese gemeinsame Ergebnisübersicht nicht mehr automatisiert zur Verfügung steht (siehe Hinweise zur Auswertung und Interpretation).
Zu beachten ist, dass derzeit nur Normwerte für Erwachsene vorliegen. Daher sollten die Ergebnisse der Test Solution „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“ bei Personen unter 18 Jahren mit Vorsicht interpretiert werden. Sie liefern wertvolle Hinweise auf kognitive Stärken und Schwächen, sollten aber im Kontext der altersgerechten Entwicklung und zusätzlicher klinischer Informationen bewertet werden.
Die Testdauer der Standardform beträgt etwa 89 Minuten.
Das Literaturverzeichnis finden Sie hier: (8.30-de) Literatur