Depression - Neurokognitive Testung

Die Test Solution „Depression - Neurokognitive Testung“ dient der Erfassung des kognitiven Funktionsprofils von Personen mit depressiver Störung sowie mit subklinischer Symptomatik (vgl. Kapitel 6A70–73, ICD-11; WHO, 2022). Die Auswahl der Dimensionen für die Test Solution stützt sich auf aktuelle meta-analytische Befunde zu kognitiven Veränderungen vor, während und nach depressiven Episoden, die diagnostischen Standardwerke DSM-5-TR (American Psychiatric Association, 2022) und ICD-11 (WHO, 2022) sowie die S3-Leitlinie für die Diagnostik und Therapie unipolarer Depression (Bundesärztekammer et al., 2022).

Neben den stimmungs- und motivationsbezogenen Hauptsymptomen nennen sowohl ICD-11 als auch DSM-5-TR zwei kognitive Nebensymptome bei depressiven Störungen: psychomotorische Verlangsamung (oder Agitiertheit) sowie Konzentrations- und Entscheidungsprobleme. Dies spiegelt sich auch in der S3-Leitlinie der deutschen Bundesärztekammer wider, welche im Kapitel zum Erkennen von Depression neben den stimmungsbezogenen Hauptsymptomen auch Gedächtnisstörungen, psychomotorische Verlangsamung, Beeinträchtigungen des sprachlichen Ausdrucks und Sprachverständnisses sowie Aufmerksamkeitsprobleme als diagnostisch relevant nennt. Die Empfehlungen der S3-Leitlinie zur Diagnostik umfassen keine psychometrischen Leistungstests, aber die Selbstbeurteilung bzw. das gezielte Erfragen von Konzentrationsproblemen und Verlangsamung, welche durch Tests objektiviert werden kann. Der DSM-5-TR hebt hervor, dass viele Patientinnen und Patienten im Rahmen einer depressiven Episode eine deutlich verminderte Fähigkeit berichten, klar zu denken, sich zu konzentrieren oder Entscheidungen zu treffen (Kriterium A8). Häufig erscheinen Betroffene leicht ablenkbar oder klagen über Gedächtnisprobleme, was insbesondere bei Tätigkeiten mit hohen kognitiven Anforderungen zu spürbaren Einschränkungen führt. Im Kindes- und Jugendalter kann dies etwa durch einen schulisch-akademischen Leistungsabfall sichtbar werden. Bei älteren Personen stehen häufig ausgeprägte Gedächtnisbeschwerden im Vordergrund, die als „Pseudodemenz“ fehlinterpretiert werden können (American Psychiatric Association, 2022).

In der wissenschaftlichen Literatur werden kognitive Leistungseinschränkungen bei Depression auf zwei zugrundeliegende Erklärungsmodelle zurückgeführt: die Verarbeitungsgeschwindigkeitshypothese und die Aufwandshypothese. Die Verarbeitungsgeschwindigkeitshypothese besagt, dass eine Verlangsamung der Verarbeitungsgeschwindigkeit – als Grundkomponente höherer kognitiver Funktionen – die Leistung in komplexeren Aufgaben beeinträchtigt. Die Aufwandshypothese hingegen nimmt an, dass beeinträchtigte Leistungen in exekutiven Aufgaben bei Personen mit depressiver Symptomatik motivationale bzw. stimmungsbezogene Ursachen haben – Aufgaben, welche einen hohen kognitiven Aufwand erfordern, werden also weniger gut erledigt (vgl. Nuño et al., 2021).

Aus der Forschung liegen zahlreiche, zum Teil längsschnittliche Metaanalysen zu neurokognitiven Funktionsprofilen vor, die sich in Befunde vor, während und nach (d. h. Remission) Auftreten einer depressiven Episode einteilen lassen. Diese Befunde liefern empirische Belege sowohl für die Verarbeitungsgeschwindigkeitshypothese als auch die Aufwandshypothese und werden im Folgenden über den zeitlichen Verlauf depressiver Episoden näher beleuchtet.

Vor dem Auftreten depressiver Episoden zeigte eine längsschnittliche Metaanalyse über k = 29 Studien und n = 121.749 Personen, dass Unterschiede in kognitiven und exekutiven Funktionen kaum mit dem Auftreten bzw. Schweregrad einer depressiven Episode assoziiert sind (r = ,09, p < ,001) und dass dieser Zusammenhang vollständig verschwindet, wenn man für subklinische depressive Symptome kontrolliert (Scult et al., 2016). Dies legt nahe, dass kognitive Funktionen nicht kausal an der Entstehung von Depression beteiligt sind.

Während bestehender depressiver Symptomatik zeigen Metaanalysen deutliche Einschränkungen in exekutiven Funktionen: Eine große querschnittliche Metaanalyse über k = 113 Studien, welche Personen mit MDD mit gesunden Kontrollgruppen verglich, fand, dass die meisten exekutiven Funktionen beeinträchtigt waren, insbesondere im Bereich Inhibition (d = 0,53 [0,47–0,69]), verbales (d = 0,45 [0,34–0,56]) und visuelles Arbeitsgedächtnis (d = 0,45 [0,30–0,59]), Wortflüssigkeit (0,55 [0,44–0,66]), Verarbeitungsgeschwindigkeit (0,33 [0,15–0,50]) und kognitive Flexibilität (0,47 [0,39–0,55]) (Snyder, 2013). Diese Ergebnisse decken sich auch mit einer kleineren Metaanalyse über 13 Studien und 644 Personen, welche kognitive Profile während der ersten depressiven Episode untersuchte und kleinere bis mittlere exekutive Einbußen fand (Lee et al., 2012). Aktuelle Befunde weisen zudem darauf hin, dass das neurokognitive Profil depressiver Störungen altersabhängigen Mustern folgt. Eine Metaanalyse zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen (12–25 Jahre) zeigte signifikante Beeinträchtigungen in Aufmerksamkeit, verbalem und visuellem Gedächtnis sowie verbalem Schlussfolgern und allgemeiner kognitiver Leistungsfähigkeit im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen (Goodall et al., 2018). Darüber hinaus zeigen mehrere Metaanalysen, dass Alter und Anzahl bisheriger depressiver Episoden als Moderatoren kognitiver Leistungseinbußen fungieren, wobei beide Variablen miteinander konfundiert sind (Nuño et al., 2021; Semkovska et al., 2026).

Nach einer depressiven Episode bleiben weiterhin kleine Gruppenunterschiede zwischen remittierten und nie von depressiven Episoden betroffenen Personen bestehen: Eine große Metaanalyse über 244 Studien mit über 10.000 Personen pro Gruppe zeigte, dass Unterschiede in Verarbeitungsgeschwindigkeit, Inhibition, kognitiver Flexibilität, numerischer und verbaler Flüssigkeit, Planungsfähigkeit, sowie Arbeitsgedächtnis auch in Remission bestehen bleiben. Eine Moderatoranalyse derselben Studie zeigte weiter, dass all diese Unterschiede (bis auf Arbeitsgedächtnis) vollständig durch Verarbeitungsgeschwindigkeit erklärt werden konnten – ein starker empirischer Beleg für die Verarbeitungsgeschwindigkeitshypothese. Im Arbeitsgedächtnis zeigten sich geringe Unterschiede (z. B. Digit Span Forward: g = –0,28 [–0,41 bis –0,14]; 53 Studien, n = 3180 vs. 2307) (Semkovska et al., 2026). Diese Ergebnisse replizieren und erweitern die Befunde der Vorgängerstudie, welche außerdem fand, dass Unterschiede in allgemeiner kognitiver Fähigkeit vernachlässigbar waren und dass das Erkennen von emotionalen Ausdrücken von Anderen in remittierten Personen deutlich besser ausgeprägt war (d = –0,83 zugunsten der remittierten Gruppe) (Semkovska et al., 2019). Eine Metaanalyse längsschnittlicher Daten von Personen mit depressiver Symptomatik vor und nach Behandlung über k = 16 Studien und n = 859 Personen zeigte, dass sich Arbeitsgedächtnis, verbales Gedächtnis und Wortflüssigkeit signifikant verbesserten, während Verarbeitungsgeschwindigkeit und nonverbales Gedächtnis unverändert blieben – wobei Retest-Effekte nicht ausgeschlossen werden konnten (Bernhardt et al., 2019). Eine prospektive Langzeitstudie über n = 267 Personen fand, dass kognitive Symptomatik auch nach drei Jahren bei etwa der Hälfte der Betroffenen persistierte, während stimmungs- und motivationsbezogene Aspekte deutlich stärkere Verbesserungen zeigten (Conradi et al., 2010).

Diese Befunde unterstreichen die Wichtigkeit des Monitorings depressiver Symptomatik, welches auch gemäß der S3-Leitlinie empfohlen wird: Die S3-Leitlinie weist darauf hin, dass das Monitoring häufig nicht engmaschig genug erfolgt und psychometrisch validierte Instrumente eingesetzt werden sollten. Die Leitlinie fokussiert dabei auf Selbst- und Fremdbeurteilung, insbesondere mittels des PHQ-9. Auch für die Behandlungsplanung können exekutive Funktionen relevant sein: ein systematischer Review von 39 Studien zeigt, dass die kognitive Baseline-Funktion in einigen Fällen prädiktiv für die Wirksamkeit psychopharmakologischer Behandlungsoptionen sein kann (Groves et al., 2018). Obwohl kognitive Leistungstests und Trainingsverfahren bislang nicht Teil der Empfehlungen der S3-Leitlinie sind, weisen diese Ergebnisse darauf hin, dass kognitive exekutive Funktionen nicht nur in der Diagnostik, sondern auch in der Behandlungsplanung und Therapieprognose von Depressionen eine Rolle spielen könnten. Erste Befunde deuten zudem darauf hin, dass kognitive Remediation – eine Kombinationsmethode aus dem Training kognitiver Funktionen und anderen psychotherapeutischen Ansätzen – zu moderaten Verbesserungen in exekutiven Fähigkeiten, Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit und globaler Kognition bei Patientinnen und Patienten führen kann (Thérond et al., 2021). Weiters ist zwar die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit bei Remittierten gegenüber Gesunden im Mittel nicht beeinträchtigt (Semkovska et al., 2019; 2025), kann jedoch in der individuellen Therapieplanung und -prognose relevant sein, da kognitive Leistungsfähigkeit mit mit Kurz- und Langzeittherapieerfolg assoziiert ist (vgl. Knekt et al., 2014).

Zusammenfassend zeigt sich, dass Depression mit Einschränkungen in vielen Bereichen der exekutiven Funktionen einhergeht, welche häufig auch in Remission persistieren, wobei sich diese Effekte weitgehend durch Verarbeitungsgeschwindigkeit erklären lassen. Die Test Solution „Depression - Neurokognitive Testung“ für akute depressive Episoden umfasst daher die folgenden kognitiven Domänen (vgl. DSM-5-TR; APA, 2022):

  • Aufmerksamkeit

    • Verarbeitungsgeschwindigkeit (TMT-S, Teil A)

    • Konzentrationsfähigkeit (TACO)

  • Exekutive Funktionen

    • Kognitive Flexibilität (TMT-S, Teil B)

    • Interferenz (STROOP)

    • Verbales Arbeitsgedächtnis (SPAN, Ziffernspanne rückwärts)

  • Lernen und Gedächtnis

    • Verbales Kurzzeitgedächtnis (SPAN, Ziffernspanne vorwärts)

  • Logisches Schlussfolgern (BMT)

Für das Monitoring neurokognitiver Einschränkungen und Ressourcen in Remission wird entsprechend der obig diskutierten Literatur empfohlen die zentralen kognitiven Dimensionen Verarbeitungsgeschwindigkeit und Arbeitsgedächtnis (TMT-A, SPAN) zu erheben. Dafür stehen mehrere Paralleltestformen bzw. adaptive Vorgabe zur Verfügung, um Retest-Effekte zu vermeiden.

Je nach Fragestellung können den Test Solutions weitere Verfahren außerhalb der SCHUHFRIED Selection hinzugefügt werden, etwa zur Erfassung der Wortflüssigkeit (WIWO). Weiters steht ergänzend der PHQ-9 (Patient Health Questionnaire–9) zusätzlich als kostenloser Fragebogen zur Erfassung depressiver Symptomatik zur Verfügung (siehe Open Access Tests). Es ist zu beachten, dass bei Konfiguration der Testsequenz und der Ergänzung um Tests, die nicht Teil der SCHUHFRIED Selection sind, dieser gemeinsame Ergebnisübersicht nicht mehr automatisiert zur Verfügung steht (siehe Hinweise zur Auswertung und Interpretation).

Die Testdauer der Standardform beträgt etwa 55 Minuten.


Das Literaturverzeichnis finden Sie hier: Literatur