Angststörungen - Neurokognitive Testung

Neben der allgemeinen Neurokognitiven Kurztestung bieten die SFS Test Solutions ein Assessment an, das speziell für die Abklärung kognitiver Defizite bei Angststörungen geeignet ist. Obwohl neurokognitive Veränderungen nicht zu den diagnostischen Kernmerkmalen von Angststörungen gehören, zeigen zahlreiche Studien, dass bestimmte Funktionen beeinträchtigt oder verändert sein können, wobei es sich dabei meist um kleine bis mittlere Effekte handelt (z. B. Millan et al., 2012; Suddell et al., 2023; Majeed et al., 2023). Die Test Solution “Angststörungen - Neurokognitive Testung” dient nicht der Diagnose einer Angststörung - ihr Nutzen liegt vielmehr darin, häufig beeinträchtigte Funktionsbereiche sichtbar zu machen, individuelle Stärken und Schwächen zu erfassen und mögliche Ansatzpunkte für Intervention oder Psychoedukation zu identifizieren. Die Auswahl der Dimensionen für die Testbatterie stützt sich auf aktuelle Befunde zu kognitiven Defiziten bei Angststörungen sowie auf die diagnostischen Standardwerke DSM-5-TR (American Psychiatric Association, 2022) und ICD-11 (WHO, 2022).

Zu den in der Literatur am konsistentesten beschriebenen Bereichen gehören Veränderungen im Arbeitsgedächtnis. Eine Vielzahl an Übersichtsarbeiten (eg. Millan et al., 2012; Moran et al., 2016; Gkintoni & Ortiz, 2023; Giomi et al., 2021), ebenso wie aktuelle querschnittliche (Karaca Cengiz et al., 2025) und Längsschnittstudien (Suddell et al., 2023) berichten leichte, aber robuste Einbußen für verschiedene Angststörungen wie die generalisierte Angststörung, Panikstörung oder soziale Phobie. Zum Teil kommen verschiedene Reviews allerdings zu divergierenden Einschätzungen. Beispielsweise stellen O‘Sullivan und Newman (2014) keine Unterschiede im Arbeitsgedächtnis bei Personen mit Panikstörungen fest, während zwei weitere Reviews schlechtere Arbeitsgedächtnisleistungen vorfanden (Millan et al., 2012, Giomi et al., 2021). Dennoch scheint diese kognitive Domäne wertvoll zur Abklärung spezifischer Defizite in individuellen Patientinnen und Patienten zu sein, zumal dieser Bereich durch gezielte Interventionen deutlich verbessert werden kann, wie ein aktueller Review mit Metaanalyse bei Patienten und Patientinnen mit generalisierter Angststörung oder sozialer Phobie feststellen konnte (Mokhtari et al., 2025). Ebenso von Interesse ist das verbale Gedächtnis. Auch hier zeigt der Review von Miller et al. (2012) leichte Einschränkungen bei Personen mit generalisierter Angststörung und Panikstörung. Diese Tendenz konnte spezifisch für Panikstörungen auch von einem weiteren systematischen Review (O’Sullivan & Newman, 2014) festgestellt werden. Nyberg (2021) konnte darüber hinaus zeigen, dass das verbale Kurzzeitgedächtnis, gemessen mittels der Ziffernspanne (vorwärts), bei Personen mit Angststörungen signifikant niedriger ist als in einer gesunden Normpopulation.

Die Befunde zur Aufmerksamkeit bei Angststörungen sind heterogen. Verschiedene Störungen weisen unterschiedliche aufmerksamkeitsbezogene Muster auf. Während eine querschnittliche Studie unter Studierenden mit generalisierter Angststörung sogar bessere Ergebnisse in der Aufmerksamkeitsleistung fanden, zeigen Übersichtsarbeiten tendenziell eine leicht verminderte Aufmerksamkeit bei generalisierter Angststörung (Millan et al., 2012; Gkintoni & Ortiz, 2023). Panikstörungen sind hingegen oft durch eine gesteigerte Aufmerksamkeit gegenüber bedrohlichen Reizen gekennzeichnet, was jedoch eher auf eine Verzerrung als auf eine generelle Leistungssteigerung hinweist (Millan et al., 2012). Bei Kindern und Jugendlichen mit Angststörungen hingegen kommt ein Review zum Schluss, dass es keine Evidenz für signifikante Defizite gibt (Rabner et al., 2024). Trotz der uneinheitlichen Ergebnisse werden Aufmerksamkeitsprozesse insgesamt als zentral bei Angststörungen betrachtet (Eysenck et al., 1987; Ferreri et al., 2011; Millan et al., 2012; Giomi et al., 2021) und daher scheint die Erfassung von Aufmerksamkeit klinisch sinnvoll. Gleichzeitig sollten die Ergebnisse klassischen neuropsychologischen Tests, die unter neutralen Bedingungen durchgeführt werden, vorsichtig interpretiert werden, da sie bedrohungsspezifische Verarbeitungstendenzen nur unzureichend erfassen.

Ebenso wie bei der Aufmerksamkeit sind die Befunde zu exekutive Funktionen bei Angststörungen gemischt. Bei jungen Erwachsenen fasst ein Review (Castaneda et al., 2008) sowohl Hinweise auf Einschränkungen bei Angststörungen generell als auch gegenteilige Ergebnisse zu spezifischen Störungsbildern zusammen, während ein weiterer Review (Ferreri et al., 2011) die exekutive Funktionen als zentralen Bereich bei Angststörungen betrachtet. In einer longitudinalen Studie (Lindert et al., 2021) wurden leichte, aber signifikante Einschränkungen in den exekutive Funktionen gefunden. Bei einzelnen Störungsbildern wurden tendenziell entweder keine (GAD: Millan et al., 2012; Leonard & Abramovitch, 2019; PD: Castaneda et al., 2008; Giomi et al., 2021; O’Sullivan & Newman, 2014) oder inkonklusive Ergebnisse (PD: Millan et al., 2012) gefunden. Diese heterogenen Befunde könnten dadurch zu erklären sein, dass verschiedene Teilbereiche der exekutiven Funktionen unterschiedlich beeinträchtigt sind. So geben neuere Reviews und Einzelstudien Hinweise darauf, dass beispielsweise die kognitive Flexibilität bei Kindern und Jugendlichen mit Angststörungen (Rabner et al., 2024), Personen mit Panikstörungen (Giomi et al., 2021) und Jugendlichen mit sozialer Phobie (Karaca Cengiz et al., 2025) beeinträchtigt sein können, während tendenziell keine Hinweise auf Defizite bei der Inhibition gegeben sind (Suddell et al., 2023; Rabner et al., 2024). Hingegen geben Reviews Hinweise, dass die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit zum Teil ebenso beeinträchtigt sein kann (Millan et al., 2012; Rabner et al., 2024). Eine Erfassung der kognitiven Flexibilität sowie der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit scheint daher zur differenzierten Abklärung möglicher Defizite bei Angststörungen indiziert zu sein.

Zudem stellt die Reaktionsfähigkeit eine relevante Variable dar. Eine aktuelle Metaanalyse (Majeed et al., 2023) berichtet im Bereich der exekutiven Funktionen (Inhibition, Shifting, Updating) signifikante Reaktionszeitdefizite bei Personen mit Angststörungen im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen. Die Effekte variieren jedoch in Abhängigkeit von der spezifischen exekutiven Funktion sowie der Art der Angststörung. Reaktionszeitdefizite zeigten sich über alle drei untersuchten exekutiven Funktionen hinweg sowie bei Personen mit generalisierter Angststörung. Bei Panikstörung hingegen fand sich eine signifikant schnellere Reaktionszeit. Bemerkenswert ist, dass die Genauigkeit in Reaktionszeitaufgaben insgesamt höher ausfiel als in den Kontrollgruppen, insbesondere in den Bereichen Shifting und Updating sowie bei Personen mit Panikstörung oder selektivem Mutismus. Auch eine aktuelle Studie (Huiyong & Xinping, 2025) zur lexikalischen Verarbeitung zeigt eine unveränderte Genauigkeit, jedoch eine reduzierte Reaktionsgeschwindigkeit unter Stressbedingungen bei Studierenden mit höheren Trait-Angstwerten im Vergleich zu Studierenden mit niedrigeren Werten. Entsprechend erscheint es sinnvoll, die Reaktionsfähigkeit unter Belastungsbedingungen systematisch zu erfassen.

Weiters ist zwar die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit bei Personen mit Angststörung gegenüber Gesunden im Mittel nicht beeinträchtigt (Rabner et al., 2024), kann jedoch in der individuellen Therapieplanung und -prognose relevant sein, da kognitive Leistungsfähigkeit mit Kurz- und Langzeittherapieerfolg assoziiert ist (vgl. Knekt et al., 2014). Insgesamt sind die Ergebnisse hier jedoch heterogen.

Auf Basis dieser Befundlage erfasst die SFS Test Solution “Angststörungen - Neurokognitive Testung” die folgenden kognitiven Funktionen:

  • Aufmerksamkeit

    • Verarbeitungsgeschwindigkeit (TMT-S, Teil A)

    • Konzentrationsfähigkeit (Selektive Aufmerksamkeit) (TACO)

    • Reaktive Belastbarkeit (DT)

  • Exekutive Funktionen

    • Kognitive Flexibilität (TMT-S, Teil B)

    • Verbales Arbeitsgedächtnis (SPAN, Ziffernspanne rückwärts)

  • Lernen und Gedächtnis

    • Verbales Kurzzeitgedächtnis (SPAN, Ziffernspanne vorwärts)

  • Logisches Schlussfolgern (BMT)

Die Test Solution “Angststörungen - Neurokognitive Testung” umfasst damit zentrale Funktionsbereiche, die bei verschiedenen Typen von Angststörungen beeinträchtigt sein können. Nicht enthalten in der Test Solution sind jedoch eine Reihe weiterer Fähigkeiten, die ebenfalls sinnvoll zur Abklärung von kognitiven Defiziten bei Angststörungen von Nutzen sein können, so etwa über das Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis hinausgehende Gedächtnisfunktionen sowie Aufmerksamkeitsverzerrungen, (Castaneda et al., 2008; Ferreri et al., 2011; Millan et al., 2012; O’Sullivan & Newman, 2014; Rabner et al., 2024; Lindert et al., 2021), Sprache (Millan et al., 2012; Rabner et al., 2024), motorische Fähigkeiten (Rabner et al., 2024) oder soziale Kognition (Gkintoni & Ortiz, 2023). Je nach Fragestellung können den Test Solutions weitere Verfahren außerhalb der SCHUHFRIED Selection hinzugefügt werden, etwa zur Erfassung des figuralen Langzeitgedächtnisses (FGT) oder soziale Kognition (TOM). Weiters steht ergänzend der GAD-7 (Generalized Anxiety Disorder-7) zusätzlich als kostenloser Fragebogen zur Erfassung angstbezogener Symptomatik zur Verfügung (siehe Open Access Tests). Es ist zu beachten, dass bei Konfiguration der Testsequenz und der Ergänzung um Tests, die nicht Teil der SCHUHFRIED Selection sind, diese gemeinsame Ergebnisübersicht nicht mehr automatisiert zur Verfügung steht (siehe Hinweise zur Auswertung und Interpretation).

Die Testdauer der Standardform beträgt etwa 46 Minuten.


Das Literaturverzeichnis finden Sie hier: Literatur