Sicherungspersonal im Gleisbereich

Die Test Solutions „Sicherungspersonal im Gleisbereich – Leitung“ und „Sicherungspersonal im Gleisbereich – Einsatz“ dienen der Eignungsfeststellung von Personal im Gleisbereich, das entweder mit der Planung, Koordination und Überwachung von Gleisarbeiten oder mit der operativen Sicherung und Überwachung des Streckenbereichs betraut ist.

Während für Triebfahrzeugführerinnen und Triebfahrzeugführer mit der EU-Direktive 2007/59/EG verbindliche Mindestanforderungen an die psychische Eignung bestehen und international mehrere konkrete Standards etabliert sind, sind die Anforderungen an Sicherheitspersonal im Gleisbereich auf internationaler Ebene deutlich weniger explizit. Die EU-Direktive verweist lediglich darauf, dass die für Triebfahrzeugführerinnen und Triebfahrzeugführer formulierten psychologischen Grundprinzipien als Orientierung für andere sicherheitsrelevante Tätigkeiten im Schienenverkehr herangezogen werden können (siehe Triebfahrzeugführer/-in). Auch internationale Regelwerke wie die australischen National Standard for Health Assessment of Rail Safety Workers oder die kanadischen Railway Medical Rules for Positions Critical to Safe Railway Operations schreiben zwar eine standardisierte, sicherheitsbezogene Auswahl sicherheitsrelevanten Personals vor, benennen jedoch keine konkreten psychometrischen Leistungs- oder Persönlichkeitsanforderungen.

Eine Besonderheit stellt in diesem Kontext Deutschland dar: Ergänzend zur allgemeinen DGUV Vorschrift 77/78 Arbeiten im Bereich von Gleisen (UVB, 2025) wurde bereits 1994 eine konkrete Empfehlung zur Eignungstestung von Sicherungspersonal im Gleisbereich von der Forschungsgesellschaft für angewandte Systemsicherheit und Arbeitsmedizin (FSA) veröffentlicht und zeigte, dass Leitung und Einsatzkräfte im Bereich der Gleissicherheit hochrelevant für die Prävention von Unfällen im Gleisbereich sind (Müller, 1994). Diese Studie bildete die Grundlage für eine systematische und flächendeckende Eignungsfeststellung sicherheitsrelevanten Personals im Zuständigkeitsbereich der Deutschen Bahn. Die FSA-Richtlinie wurde jüngst auf Basis einer empirischen Anforderungsanalyse und Validierungsstudie überarbeitet und erweitert (Manteuffel & Kutschbach, 2020). Die aktualisierte Richtlinie bildet die zentrale konzeptionelle Grundlage für die Auswahl der diagnostischen Dimensionen der Test Solutions „Sicherungspersonal im Gleisbereich – Leitung“ (entspricht in Deutschland: Sicherheitsaufsichtskraft, SAKRA) und „Sicherungspersonal im Gleisbereich – Einsatz“ (Deutschland: Sicherheitsposten, SIPO). Mangels internationaler Forschung wird der Einsatz der Test Solutions für ähnliche Berufsgruppen über den deutschen Nationalraum hinaus als evidenzbasierte Verfahren zur Eignungsfeststellung sicherheitsrelevanten Personals im Gleisbereich von den Autoren des vorliegenden Dokuments empfohlen.

Die Befunde der neuen FSA-Studie zeigen, dass sich die Anforderungen an die Leitung und Einsatzkräfte in der Gleissicherung hinsichtlich kognitiver Komplexität, Verantwortung und Handlungsspielraum unterscheiden (Manteuffel & Kutschbach, 2020). Die Sicherungsaufsicht (Leitung) trägt die Gesamtverantwortung für Planung, Koordination, Überwachung und situative Anpassung der Sicherungsmaßnahmen und trifft eigenständige Entscheidungen. Entsprechend erfordert diese Tätigkeit neben Reaktionsbereitschaft und Aufmerksamkeit insbesondere geteilte Aufmerksamkeit, logisch-schlussfolgerndes Denken, Gedächtnisleistungen sowie verbale Fähigkeiten. Der Sicherungsposten (Einsatz) setzt die Sicherungsmaßnahmen operativ um; seine Tätigkeit ist stärker standardisiert und durch längere Phasen gleichförmiger Beobachtung gekennzeichnet. Zentrale Anforderungen sind hier eine ausgeprägte Daueraufmerksamkeit (Vigilanz), hohe Ablenkungsresistenz sowie Zuverlässigkeit. Beiden Berufsgruppen gemeinsam sind die selektive Aufmerksamkeit (Konzentration), Gedächtnisleistungen, sowie Reaktionsbereitschaft (Alertness). In der vorliegenden Test Solution wird bewusst auf die Erfassung der Reaktionsgeschwindigkeit im Sinne von reinen Reaktionszeitmaßen verzichtet. Stattdessen wird, entsprechend der Empfehlungen von Manteuffel und Kutschbach, die allgemeine Reaktionsbereitschaft (phasische Alertness, operationalisiert als Differenz der Reaktionszeiten mit und ohne Ankündigungsreiz) als anforderungsrelevanter Aspekt der Aufmerksamkeit überprüft, da für die Tätigkeiten des Sicherungspersonals nicht Millisekundenunterschiede, sondern das rechtzeitige Wahrnehmen, korrekte Einschätzen und situationsangemessene Reagieren auf relevante Signale entscheidend ist.

Bezüglich der Persönlichkeit baut das Anforderungsprofil von Manteuffel und Kutschbach auf das Facettenmodell der Big-5 Persönlichkeit auf. Das Facettenmodell postuliert, dass jede der Big-5 Persönlichkeitsdimensionen jeweils sechs Facetten, also Unterfaktoren, hat. Empirisch weist es geringe inkrementelle Validität in der Vorhersage beruflichen Erfolgs gegenüber der breiten Big-5-Faktoren auf (vgl. Judge et al., 2013). Die FSA-Studie beschreibt im Anforderungsprofil sicherheitsrelevanter Persönlichkeitseigenschaften die folgenden Facetten (Dimensionen) als relevant: Geselligkeit (Extraversion), Durchsetzungsfähigkeit (Extraversion), Belastbarkeit (Emotionale Stabilität), Fleiß / Beharrlichkeit (Gewissenhaftigkeit), Verlässlichkeit / Verantwortungsbewusstsein (Gewissenhaftigkeit), sowie Regel- und Pflichtbewusstsein (Gewissenhaftigkeit), wobei Gewissenhaftigkeit und Emotionale Stabilität als wichtigste Faktoren eingeschätzt wurden. Manteuffel und Kutschbach fanden in der FSA-Validierungsstudie allerdings keine belastbaren Zusammenhänge zwischen den selbstberichteten Persönlichkeits-Facetten und sicherheitsrelevanter Arbeitsleistung. Die Autoren führen dies auf Antwortverzerrung im Sinne der sozialen Erwünschtheit zurück und schlussfolgern, dass Rating-Skalen Verfahren im Bereich der high-stakes Assessments weniger gut geeignet wären. Sie empfehlen daher „Zur Feststellung des Eignungsmerkmals ‘Persönlichkeit’ […] ein schmales Messinstrument, das sich direkt aus dem Anforderungsbereich ‘Persönlichkeit’ ableitet.“ (Manteuffel & Kutschbach, 2020).

Inhaltlich fokussiert sich die Persönlichkeitsmessung der Test Solutions „Sicherungspersonal im Gleisbereich“ daher auf die Dimensionen Gewissenhaftigkeit und Emotionale Stabilität, die sowohl im Anforderungsprofil der Tätigkeit, als auch in der empirischen Literatur als zentral für allgemeine Arbeitsleistung identifiziert wurden (vgl. Barrick et al., 2001; He et al., 2019). Auf die Messung der Extraversion wird bewusst verzichtet, da die empirischen Belege hier weniger konsistent sind und im Anforderungsprofil nur auf Facetten- nicht Dimensionsebene als sicherheitsrelevant identifiziert wurden (vgl. Manteuffel & Kutschbach, 2020). Zur Reduktion sozial erwünschten Antwortverhaltens in der eignungsdiagnostischen Hochrisikosituation wird in den vorliegenden Test Solutions ein forced-choice Antwortformat eingesetzt (FCB5, Testform S1), welches die Verzerrung der Antworten durch soziale Erwünschtheit reduzieren kann (z. B. Cao & Drasgow, 2019; Wetzel et al., 2021).

Die Test Solutions „Sicherungspersonal im Gleisbereich – Leitung“ und „Sicherungspersonal im Gleisbereich – Einsatz“ umfassen daher die folgenden Dimensionen:

Sicherungspersonal im Gleisbereich – Leitung

  • Alertness (RT)

  • Konzentrationsfähigkeit (TACO)

  • Geteilte Aufmerksamkeit (TACO)

  • Logisches Schlussfolgern, Langzeitgedächtnis und verbale Fähigkeiten (INT)

  • Persönlichkeit: Gewissenhaftigkeit und Emotionale Stabilität (FCB5)

Sicherungspersonal im Gleisbereich – Einsatz

  • Alertness (RT)

  • Konzentrationsfähigkeit (TACO)

  • Vigilanz / Daueraufmerksamkeit (VIGIL)

  • Langzeitgedächtnis (INT)

  • Persönlichkeit: Gewissenhaftigkeit und Emotionale Stabilität (FCB5)

Die Eignungsbeurteilung erfolgt nicht auf Grundlage einer dimensionsübergreifenden Gewichtung, sondern orientiert sich an den Mindestanforderungen gemäß FSA-Richtlinie. Dieses Vorgehen trägt dem sicherheitskritischen Charakter der Tätigkeit Rechnung, bei dem Defizite in einzelnen zentralen Leistungsbereichen nicht durch Stärken in anderen Bereichen kompensiert werden sollen. Für alle kognitiven Leistungsdimensionen sowie für die ausschlussrelevanten Persönlichkeitsmerkmale wird daher ein Mindestniveau von Prozentrang (PR) > 15 gefordert. Dieser Schwellenwert entspricht einer in der Verkehrspsychologie etablierten Konvention zur Abgrenzung unterdurchschnittlicher Leistungsfähigkeit und basiert auf der Definition des unterdurchschnittlichen Bereichs als Abweichung von mehr als einer Standardabweichung vom Mittelwert der Normstichprobe. Für die Vigilanz wird für die Test Solution „Sicherungspersonal im Gleisbereich – Einsatz“ in Übereinstimmung der im Anforderungsprofil hervorgehobenen Bedeutung der Daueraufmerksamkeit ein erhöhter Mindestwert von PR > 32 angesetzt (vgl. Müller, 1994; Manteuffel & Kutschbach, 2020). Die Gesamtbeurteilung erfolgt auf Grundlage der Erfüllung der Mindestanforderungen in den einzelnen Dimensionen sowie einer fachpsychologischen Gesamtinterpretation der Ergebnisprofile.

Die Testdauer beträgt etwa 77 Minuten für die Test Solution „Sicherungspersonal im Gleisbereich – Leitung“ und etwa 73 Minuten für die Test Solution „Sicherungspersonal im Gleisbereich – Einsatz“.


Das Literaturverzeichnis finden Sie hier: Literatur