Berufskraftfahrer/-in

Mit der Test Solution “Berufskraftfahrer/-in” steht eine Testbatterie zur Verfügung, mit welcher die psychologische Eignung einer Person für den Beruf des Berufskraftfahrers bzw. der Berufskraftfahrerin geprüft werden kann. Auch wenn der Fokus auf der professionellen Berufsausübung als Kraftfahrer bzw. Kraftfahrerin liegt, decken die enthaltenen Dimensionen jene Aspekte ab, die für die Fahreignung im privaten Verkehr relevant sind. Dadurch eignet sich die Testbatterie auch, um die Fahreignung einer Person für den privaten Individualverkehr zu prüfen. Die Auswahl der Dimensionen basiert dabei auf etablierten Modellen zu Fahrsicherheit und Fahrverhalten (Groeger, 2000; Hatakka et al, 2002, 2003; Michon, 1979), empirischen Validierungsstudien (z. B. Vetter et al., 2018; Risser et al., 2008) sowie aktuellen Meta-Analysen und Reviews (Luo et al., 2023; Zhang et al., 2023; Pergantis et al., 2024) sowie nationalen bzw. EU-weiten Leitlinien und gesetzlichen Anforderungen.

Klassische theoretische Modelle konzeptualisieren das Lenken eines Fahrzeugs als einen vielschichtigen Prozess mit unterschiedlichen kognitiven Anforderungen, wobei teils auch Persönlichkeitsmerkmale berücksichtigt werden (Hatakka et al., 2002, 2003; Groeger, 2000; Michon, 1979). Die GDE-Matrix (Goals for Driver Education), die sich im Kontext von Berufskraftfahrt besonders eignet, unterscheidet vier hierarchische Ebenen des Fahrverhaltens (Hatakka et al., 2002, 2003). Für die beiden unteren Ebenen Ausführung und Interaktion können basale kognitive Funktionen wie Konzentration, Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit, Überblicksgewinnung und Belastbarkeit als bedeutsam betrachtet werden, während die Entscheidungsebene komplexere kognitive Leistungen, wie logisches Schlussfolgern, voraussetzt. Zudem haben Persönlichkeitsmerkmale auf der Voraussetzungsebene Relevanz.

In einer Validierungsstudie mit professionellen Busfahrenden erwiesen sich die Dimensionen Überblicksgewinnung, Reaktive Belastbarkeit und Logisches Schlussfolgern als signifikante Prädiktoren der Fahrleistung mit kleinen bis mittleren Effektstärken (Vetter et al., 2018). Auch wenn Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit in dieser Studie keine signifikanten Effekte zeigten, wird deren prädiktive Validität für das Fahrverhalten durch weitere Arbeiten gestützt (siehe beispielsweise Sommer et al. 2008; Risser et al. 2008; SCHUHFRIED, 2025a). Pergantis et al. (2024) heben in einem aktuellen Review die Bedeutung exekutiver Funktionen, wie Aufmerksamkeitsleistungen und Arbeitsgedächtnis, für das Fahrverhalten hervor; letzteres wird auch von Zhang et al. (2023) unterstrichen. Im Kontext von Berufskraftfahrenden (Lkw und Bus, sowie leichteren Fahrzeugen) konnten Scott et al. (2023) zeigen, dass die Fahrleistung in einer Fahrprobe durch Tests der Reaktionsgeschwindigkeit, des Gedächtnisses sowie der sensomotorischen Kontrolle vorhergesagt wurden.

Auch die Bedeutung von Persönlichkeit ist empirisch belegt. Eine aktuelle Meta-Analyse (Luo et al., 2023) zeigt, dass die Big-Five Dimensionen Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Offenheit und Emotionale Stabilität mit einem weniger risikoreichen und aggressiven Fahrver­halten assoziiert sind. Zudem können die spezifisch verkehrsrelevanten Persönlichkeits­dimensionen Verantwortungsbewusstsein, Psychische Stabilität, Selbstkontrolle und Risikovermeidung das Fahrverhalten vorhersagen (Vetter et al., 2018, Sommer et al., 2004; Sommer et al., 2005; Vogelsinger, 2005; Schützhofer et al., 2008; Hergovich et al., 2008; Sommer et al., 2008; Sommer et al., 2010).

Neben empirischen Studien finden sich sowohl in EU-Richtlinien (2006/126/EG), wie auch in verschiedenen nationalen Regelwerken, wie dem österreichischen FSG-GV §18, den deutschen Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung (BGL) der BASt (Bundesanstalt für Straßenwesen, 2022) oder der französischen Verordnung NOR: INTS1621322A Anforderungen bzw. psychologische Dimensionen und Fähigkeiten welche erfüllt sein müssen, damit die Fahreignung gegeben ist. Gefordert werden in diesen Regelungen zumeist ausreichende (d. h. zumindest durchschnittliche) Fähigkeiten im Bereich der Reaktionsfähigkeit, Belastbarkeit, Aufmerksamkeit, Intelligenz, Gedächtnis sowie zum Teil geeignete Persönlichkeitseigenschaften (z. B. psychische Stabilität und Selbstkontrolle).

Basierend auf diesen Ergebnissen und Richtlinien bzw. gesetzlichen Regelungen, wurde die Test Solution „Berufskraftfahrer/Berufskraftfahrerin“ zusammengestellt. Erfasst werden die Dimensionen:

  • Reaktive Belastbarkeit (DT) & Überblicksgewinnung (ATAVT-2)

  • Logisches Schlussfolgern (INT), Arbeitsgedächtnis (SPAN), Reaktionsfähigkeit (RT) & Konzentrationsfähigkeit (TACO)

  • Persönlichkeit: Psychische Stabilität, Verantwortungsbewusstsein, Selbstkontrolle, Risikovermeidung (IVPE-R in der Standardform) bzw. Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Emotionale Stabilität, Extraversion und Offenheit (FCB5 in der Screeningform)

Für die Gewichtungen zur Berechnung des Gesamtwerts wurden die bestverfügbaren Effektgrößen in Bezug auf die Kriteriumsvalidität identifiziert, wobei Ergebnisse aus Validierungsstudien und Meta-Analysen im Bereich Straßenverkehr berücksichtigt wurden. Die höchste Gewichtung bei der Berechnung des Gesamtwertes erhalten die Dimensionen Reaktive Belastbarkeit sowie Überblicksgewinnung. Die zweitwichtigsten Dimensionen sind logisches Schlussfolgern, Arbeitsgedächtnis sowie die Reaktionsfähigkeit. Danach folgen die Dimension Konzentrationsfähigkeit sowie die verkehrsrelevanten Persönlichkeitseigen­schaften (Vetter et al., 2018; Risser et al., 2008; Pergantis et al., 2024; Egeto et al., 2019; Luo et al., 2023). Die Tabelle unterhalb gibt eine vollständige Übersicht der spezifischen Gewichtungen der Einzeltests zur Berechnung des Gesamtwerts für die Test Solution “Berufskraftfahrer/-in”. Weitere Informationen zur Berechnung und Interpretation des Ergebnisses einer Testung finden Sie auf der Seite: Hinweise zur Auswertung und Interpretation.

Berufskraftfahrer/-in

Gewichtung Standardform

Gewichtung Screeningform

Kognitive Fähigkeiten

80

80

Logisches Schlussfolgern

12

56

Arbeitsgedächtnis

12

-

Reaktive Belastbarkeit

16

-

Reaktionsfähigkeit - Reaktionsgeschwindigkeit

12

-

Reaktionsfähigkeit – motorische Geschwindigkeit

7

-

Konzentrationsfähigkeit - Selektive Aufmerksamkeit

5

24

Überblicksgewinnung 

16

-

Persönlichkeit (Standardform)

20

-

Psychische Stabilität 

5

-

Verantwortungsbewusstsein 

7

-

Selbstkontrolle 

6

-

Risikovermeidung 

2

-

Persönlichkeit (Screeningform)

-

20

Gewissenhaftigkeit

-

6

Emotionale Stabilität

-

2

Extraversion

-

2

Verträglichkeit

-

7

Offenheit

-

3

Für die Testung von Berufskraftfahrern und Berufskraftfahrerinnen stehen sowohl eine Standardform je für Rechts- und Linksverkehr, sowie eine zeiteffizientere Screeningform zur Verfügung, welche ohne zusätzliche Hardware auskommt und open-mode fähig ist. Die Standardform erfasst ein umfassendes Spektrum kognitiver und verkehrsrelevanter Persönlichkeitsmerkmale, die Screeningform fokussiert auf einige wesentliche kognitive Dimensionen (logisches Schlussfolgern und Konzentrationsfähigkeit) sowie grundlegende Persönlichkeitsmerkmale. Die Testdauer der Standardform beträgt etwa 50 Minuten, die der Screeningform etwa 28 Minuten.


Das Literaturverzeichnis finden Sie hier: Literatur