Technische Messgenauigkeit beachten

Die technische Messgenauigkeit ist insbesondere bei Testverfahren, die Aufmerksam­keitsfunktionen, Reaktionsverhalten und/oder Psychomotorik erfassen von hoher Relevanz. Schon Messfehler im Bereich einiger weniger Millisekunden können deutliche Verschiebungen des normierten Testwertes bewirken und damit auch zu einer qualitativ verfälschten Interpretation der Testergebnisse führen.

Dass Reaktionszeiten auf Millisekunden genau gemessen werden können, ist keine Selbstverständlichkeit. Eine Vielzahl von Testprogrammen bzw. neuropsychologischen Experimentgeneratoren geben zwar in den Testvariablen Reaktionszeiten auf Millisekunden genau an, liefern allerdings je nach verwendeter Hardware und Software deutlich größere Messfehler (vgl. Häusler, Sommer & Chroust, 2007; Plant, Hammond & Turner, 2004). Aus diesem Grund wurden für die zeitkritischen Testverfahren des Wiener Testsystems spezielle Hardwarekomponenten entwickelt, mit denen durch die kontrollierte Reizausgabe und Reaktionseingabe eine Messung garantiert werden kann, die auf Millisekunden und daher auch auf den Prozentrang genau ist.

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Reizausgabe

Visuelle Reizausgabe

Bei zeitkritischen Tests mit visuellem Reizmaterial gibt das Wiener Testsystem ein Signal an den Monitor aus. Um die interne Verzögerung des Bildschirms für die Aufbereitung und Ausgabe der Daten zu berücksichtigen, steht ein Kalibrierungsmodul zur Verfügung. Mit diesem kann die exakte Bildschirmverzögerung gemessen werden. Bei der erstmaligen Durchführung eines zeitkritischen Tests wird automatisch abgefragt, ob eine Kalibrierung durchgeführt werden soll. Die Kalibrierung kann anschließend jederzeit über den Hardwaretest aufgerufen werden. Die so ermittelte Bildschirmverzögerung sowie allfällige Verzögerungen in der USB-Übertragung des Panels werden in Folge als Korrekturwert für alle zeitkritischen Testverfahren verwendet. Auf kalibrierten Testanlagen kann hinsichtlich der Reizausgabe sowohl auf CRT als auch auf LCD Monitoren eine millisekunden- bzw. prozentranggenaue technische Messung garantiert werden.

Auf unkalibrierten Anlagen ist bei Verwendung eines Panels mit geringfügigen technischen Messfehlern von durchschnittlich zwischen -2 und 8 Millisekunden (je nach verwendeter Hardware und Software) zu rechnen.

Akustische Reizausgabe

Um auch für akustische Reize eine Messgenauigkeit auf höchstem Niveau garantieren zu können, empfiehlt sich die Verwendung eines standardisierten Audioausgabegerätes. Dies sind USB-Audioausgabegeräte und die Audioausgabe beim Panel. Wenn die Audioausgabe über ein nicht standardisiertes Headset oder über externe Lautsprecher durchgeführt wird, besteht das Risiko, dass die Treibersoftware dieser Geräte Messungenauigkeiten von bis zu 100 Millisekunden bewirkt. Zusätzlich kann die Klangkurve dieser Geräte abweichen, sodass z. B. tiefere Töne im Verhältnis zu den anderen leiser wiedergegeben werden als bei der Normierungsversion der jeweiligen zeitkritischen Tests.

Sollten die verwendeten Audioausgabegeräte nicht dem Standard entsprechen, so wird schon vor der Testung darauf hingewiesen. Zusätzlich wird auf den Testergebnissen vermerkt, dass diese unter nicht standardisierten Bedingungen zustande gekommen sind.

Reaktionseingabe

Für die Reaktionseingabe steht bei zeitkritischen Tests ein ergonomisches Panel zur Verfügung. Das Panel sichert faire Testergebnisse auch für computerunerfahrene Testpersonen und garantiert in Kombination mit einem kalibrierten Bildschirm bzw. einem standardisierten Audioausgabegerät eine millisekunden- bzw. prozentranggenaue technische Messung.

Bei manchen zeitkritischen Testverfahren kann auch eine PC-Tastatur für die Reaktionseingabe verwendet werden. Bei Verwendung einer PC-Tastatur ist jedoch von größeren Messfehlern und Prozentrangverschiebungen auszugehen. Interne Messreihen mit kalibrierten Bildschirmen, die insgesamt sechs verschiedene PC-Tastatur Modelle umfassten, ergaben eine mittlere Abweichung von ca. 25 Millisekunden bei einem Bereich zwischen mindestens 5 und maximal 50 Millisekunden. Da bei PC-Tastaturen stets eine positive Verzögerung der Reaktionszeit auftritt, kann bei Erreichen eines bestimmten Testwertes lediglich davon ausgegangen werden, dass dieser bei einer technisch exakten Messung nicht unterschritten worden wäre. Beispielsweise kann bei einem Prozentrang über 25 mit PC-Tastatur davon ausgegangen werden, dass das Ergebnis bei einer exakten Messung nicht unterdurchschnittlich ausgefallen wäre.

Praktische Auswirkungen auf das normierte Testergebnis

Die Auswirkungen von Ungenauigkeiten in der technischen Messung auf die Normwerte hängen von der Art des Testes und der Lage des Rohwertes ab. Bei sehr einfachen Reiz-Reaktionstests ist die Streuung der Rohwerte in der Normstichprobe meist gering, weshalb Messungenauigkeiten zu größeren Verzerrungen in den normierten Testergebnissen führen können. Außerdem sind die Abweichungen verursacht durch Messungenauigkeiten aufgrund der Verteilung in der Normstichprobe bei durchschnittlichen Leistungen gewöhnlich größer als bei unter- oder überdurchschnittlichen.

Am Beispiel des Tests RT kann dies verdeutlicht werden:

Rohwert ohne Messungenauigkeit

PR ohne Messungenauigkeit

Rohwert mit Messungenauigkeit von plus 25 Millisekunden

PR mit Messungenauigkeit

382

10

407

6

287

50

315

33

194

100

219

96

Es zeigt sich also, dass eine Ungenauigkeit in der technischen Messung im mittleren Bereich einen Verlust von 17 Prozenträngen zur Folge hätte, während das Ergebnis im oberen Bereich und unteren Bereich nur um 4 Prozentränge verfälscht werden würde.